für Jugendliche & Erwachsene

Wing Chun

von Swen Körner

Wing Chun ist reine Selbstverteidigung, das Ziel einfach: einen gewaltförmigen Übergriff so schnell wie möglich zu beenden. Dafür kommen logische Prinzipien zur Anwendung. Entwickelt und praktiziert als Nahkampfsystem, bezieht Wing Chun alle Aspekte der Selbstverteidigung ein: Taktik, Distanzgefühl, Timing, Anpassungsfähigkeit, Durchsetzungsvermögen, Aggressivität sowie einen praktischen Sinn für direkte Lösungen.

Das Wichtigste vorab: Unser Wing Chun Unterricht kennt nur Form und Anwendung. Die Ausbildungsstruktur ist entsprechend klar und simpel: sie umfasst zwei Schülerlevel (1: Siu Lim Tao, 2: Chum Kiu), zwei Lehrerlevel (1: Biu Jee, 2: Holzpuppe und Langstock) sowie ein Meisterlevel (Doppelmesser).

Die Welt des Wing Chun ist inzwischen ein großes Business. Immer neue verlockende Versprechen treten hinzu: Wing Tsun für mehr Gesundheit, mehr Zufriedenheit, mehr work-life-Balance. Wie aus einer Matroschka-Puppe treten in Akten magischer Selbstschöpfung immer neue Anbieter und Ansprüche hervor, die ihre Haut zu Markte tragen. Bezugspunkt unserer Akademie sind nicht Werte ohne Maß, der Kampf an der schlaffen Epidermis oder Erlebniskorrelate, wie sie auch durch Wassergymnastik erzielt werden können. Unserem Wing Chun geht es um Praktikabilität. Ziel ist der Erwerb einer direkten Handlungsfähigkeit für den Notfall – nicht der auswendig gelernte Ablauf (der funktioniert im Notfall nicht!).

Wir arbeiten konzeptbasiert. Was das ist und sein kann, habe ich im Wesentlichen von meinem Sifu (= Lehrer) Gary Lam gelernt. Gary Lam war Schüler Wong Shun Leungs, Wong Shun Leung war Schüler von Ip Man – und beide verbindet eine Beziehung zu Bruce Lee. Ob wir damit einer sog. Ip Man- oder Wong Shun Leung-Linie angehören oder nicht, spielt für uns keine Rolle. Das sind doch eher fiktive Linien und gefühlte Zugehörigkeiten zu uns gänzlich unbekannten (und bei allem Respekt: völlig toten) Menschen. Sie entspringen einer Phantasie, die wir nicht haben, und sie produzieren einen Personen-Kitsch, dem wir nicht folgen. Ebenfalls völlig vernachlässigbar sind stilisierte oder dementierte „Mitgliedschaften“ zur WC, WT, VC und VT-Linie und daraus vermeintlich eindeutig ableitbare Qualitätsurteile in wahre und falsche Adepten mit entweder richtigem oder falschem Verständnis.

Unterricht
Wie vermittelt man Wing Chun? Antworten darauf sind unzählig. Bei uns folgt der Unterricht einer einfachen Idee: Die Funktion von Wing Chun ist Selbstverteidigung, so einfach und so direkt wie möglich. Alle dazu notwendigen Prinzipien, Strukturen und Techniken ergeben sich aus den sechs Wing Chun Formen, die Lösungen für praktische Situationen beinhalten. Daraus folgt: Alles in der Form, jeder Satz und jede Teilbewegung hat im Anwendungsnutzen klar sein, d.h. entweder Struktur oder Prinzip zu „liefern“ und/oder konkreten Aktionssinn. Wo das nicht der Fall ist, ändert sich die Form. Tradition ist hier kein Argument.

Lehrplan und Didaktik werden dadurch schlank und nachvollziehbar: im Mittelpunkt steht der Funktionssinn von Bewegungen im Anwendungskontext. Dabei gilt das Prinzip der Einfachheit und Direktheit, Wing Chun muss in allen Lagen und Situationen funktionieren, in der S-Bahn, auf dem Waldweg, im Auto, in der Parkgarage, am Boden etc.

Prinzipien
Wing Chun basiert auf einfachen Prinzipen und logischen Strukturen. „Technik“ entsteht und vergeht dann spontan und flexibel – definiert durch die Situation. Praktisch hinterlegt sind diese Prinzipien in unseren Formen. Der Vermittlung von Prinzipien und Konzepten gilt das Hauptaugenmerk unseres Unterrichts. Bleibt sie aus, entstehen Burgen aus Sand – und verschwinden mit der nächsten Flut. Kampfprinzipen (sequenziell):

Sei achtsam!
Nimm den Raum ein!
Attackier gleichzeitig, immer einfach, immer direkt, immer aggressiv!
Bring es zu Ende!

Formen
Ausgangspunkt und „Inhaltsverzeichnis“ unseres Unterrichts bilden die Wing Chun-Formen. Das Wing Chun System besteht aus den Formen

Siu Nim Tao (kleine Idee-Form) = Schülerlevel 1
Chum Kiu (suchende Arme-Form) = Schülerlevel 2
Biu Jee (stoßende Finger-Form) = Lehrer Level 1

Muk Yan Chong (Holzpuppenform), Luk Dim Poon Kwan (Langstock-Form) = Lehrer Level 2

Baat Chum Do (Doppelmesser-Form) = Meisterlevel

Die Wing Chun Formen begreifen wir evolutionär, d.h. als Träger aller wesentlichen Informationen eines Selbstverteidigungssystems, das direkt zum Punkt kommen möchte. Für den Unterricht bedeutet das: jedes Element einer Form hat im Funktionssinn klar zu sein. Formen beinhalten: 1. Technik, 2. Struktur und 3. Prinzipien.

Die Formen greifen logisch ineinander. Sie liefern das Gesamtbild des Wing Chun. Wie beim Puzzeln mit Kindern gilt im Wing Chun der Lehr- und Lerngrundsatz hermeneutischen Verstehens: Die Vorstellung vom Ganzen (Wing Chun) präzisiert sich dadurch – und nur dadurch -, dass ein Teil (Formen) nach dem nächsten ineinander greift. Umgekehrt präzisiert die Kenntnis der Teile (Formen) – und erst sie – die Vorstellung vom Ganzen (Wing Chun). Die Form zu verstehen bedeutet aber gerade nicht, sie statisch (nach-)laufen zu können. Ziel ist eine variable Verfügbarkeit der Elemente, wie es die Situation erfordert (Improvisationsfähigkeit im Notfall). Die Wing Chun Formen bilden sozusagen das „Inhaltsverzeichnis“ unseres Unterrichts – dabei schreibt jeder Schüler von Anfang an sein eigenes „Buch der Improvisation“.

Control Center & Chi Sao
Wichtiger Bestandteil des Wing Chun Unterrichts ist das sog. Control Center, sowie dessen Unterform, das sog. Chi Sao. Der Mensch ist primär ein Sehwesen. Mit keinem anderen Sinneskanal kann er mehr Informationen aufnehmen (3.000000bit/sec), zerebral verrechnen (8bit/sec) und speichern (Kurzzeitgedächtnis: 0,7bit/sec). Insbesondere im Nahkampf sind visuelle Informationsverarbeitung und Reflexleitung schnell überfordert. Wird es zu viel, kommt es reflektorisch zum Lidschluss der Augen. Eine Idee des Control Center und Chi Sau ist es, für diese Situationen einen weiteren verlässlichen Sinneskanal zu konditionieren: die taktile Informationsverarbeitung (ca. 200.000bit/sec).

Eine uns noch viel wichtigere Idee ist es, darin eine Übung zur Kontrolle und Manipulation des Masseschwerpunktes (Center of Mass) zu sehen. Vermittelt über Armstrukturen stehen dabei die Masseschwerpunkte der Übungspartner unter Einhaltung bestimmter Winkel und Kraftlinien (strukturiert-energetischer Focus) im Kontakt. Das Ziel des Chi Sau besteht darin, den gegnerischen Masseschwerpunkt zu erobern und die dann entstehenden Chancen effektiv zu nutzen. Richtig ist dabei, was funktional ist, d.h. in einer gegebenen Konstellation die individuell einfachste und direkteste Problemlösung darstellt. Chi Sau und Control Center sind selbst ikein Kampf und bei uns auch keine Wettkampfdisziplin. Es simuliert den Augenblick der Kontaktaufnahme mit dem gegnerischen Angriff sowie das am Prinzip der Einfachheit orientierte Folgehandeln. Gegen Tritte, Fußfeger, Beingriffe und –hebel kommen die gleichen Prinzipien im sog. Chi Gerk zur Anwendung.

Anwendung
Wing Chun ist kein sportlicher Leistungsvergleich auf der Basis wechselseitig akzeptierter Regeln. Das Ziel aus Sicht des Wing Chun ist einfach: die Bedrohungssituation so einfach, schnell und direkt wie möglich zu neutralisieren. Ein zentraler Aspekt, der bei uns in jedem Training angemessene Berücksichtigung erfährt, ist demzufolge die Anwendung. Prinzipien und Strukturen aus Formen werden übersetzt in realitätsnahe Szenarien – in allen Distanzen, gegen einen und mehrere Gegner, mit und ohne Waffen. Fragen der Effektivität des Systems und vor allem der individuellen Umsetzungsfähigkeit im Sinne variabler Verfügbarkeit entscheiden sich hier.

Unser Wing Chun passt auf einen Zettel, hier eine Grafik zu Inhalt und Didaktik unseres Unterrichts: KKA-Bergheim_Ausbildungsinhalteschild_1602_rd3-01

Verfügbare Kurse

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