360° Selbstverteidigung

Unser Konzept

Worauf es ankommt!
von Swen Körner

Gestern haben wir wieder mit dem Lehrerkollegium der Förderschule „Zum Römerturm“ gearbeitet. Gegen Ende berichtete eine Lehrerin, dass sie vor Kurzem in einer Situation anwenden musste, was sie im Rahmen unserer Fortbildung gelernt hat.

In der vorausgegangenen Einheit erzählten uns die Lehrer u.a. von einem Schüler, der so gut wie jeden Tag spontan und aggressiv im Klassenraum um sich schlägt. Und dabei so ziemlich alles mitnimmt, was im Weg steht. Der Schüler ist groß, kräftig, nicht zu kontrollieren.

Daraufhin hatten wir die Situation nachgestellt, dabei möglichst viele Informationen aus der realen Umgebung einbezogen und verschiedene Lösungen durchgetestet.

Wie die Lehrerin gestern berichtete, hat funktioniert, was vorher weder denk- noch umsetzbar gewesen ist. Der Schüler konnte in Schach gehalten und die Situation effektiv entschärft werden. Nach nur einmaliger, ca. 20-minütiger Beschäftigung im Rahmen einer Fortbildung? Wie ist das möglich?

Antwort: Mit einfachen körperlichen Mitteln, mit Taktik und vor allem: mit Entschlossenheit. Man kann an dieser Stelle aufhören zu lesen. Im Grunde ist alles gesagt. Hier geht´s weiter für diejenigen, die etwas mehr erfahren möchten.

Selbstverteidigung als Antwort auf gewaltsame Angriffe ist zielorientiert: Sie muss funktionieren, also effektiv sein.

Für den Selbstverteidigungsunterricht sind damit zentrale Orientierungsmarken eingepflockt. Auf die wichtigsten Unterscheidungen, die man hier im Blick haben sollte, möchte ich kurz eingehen.

Da wäre A) die Frage, um welche Inhalte es gehen muss?

Erstens (1) natürlich um körperliche Mittel, also um harte Mittel („hard skills“), d.h. um alles, was man mit dem eigenen Körper so machen kann, also treten, schlagen, beißen etc. Nach unserer Auffassung haben diese harten Mittel so natürlich, so einfach und so grob wie möglich zu sein, weil nur das unter Stress funktioniert.

Vergessen Sie also für den SV Bereich Ihre Kinovorstellung vom coolen Kämpfer! Vergessen können Sie in diesem Sinne übrigens auch all jene schönen Kampfchoreographien mit Pertnern, die es in vielen Kampfkunstschulen bis zur Meisterschaft auswendig zu lernen gilt. All das versagt im Ernstfall. Zielgerichtetes Handeln unter Stress ist grob und einfach – und nur deshalb erfolgreich.

Nun nützen allerdings die besten (groben und einfachen) Kampffähigkeiten nichts, wenn man den Zeitpunkt verpasst hat, eine sich nähernde mögliche Gefahr rechtzeitig zu erkennen.

Bei einem entschlossen und hochaggressiv ausgeführten Überfall von hinten gehen auch dem kühnsten Wing Tsun Meister („mit unglaublichen Fähigkeiten und rot/gelbem Sifu-T-Shirt“) und Hardcore-Krav-Maga-Spezialisten (mit „Israelkontakt und Tarnhose“) von jetzt auf gleich alle Lichter aus.

Aus diesem Grund geht es zielorientiertem Unterricht zweitens (2) um die Schulung von Aufmerksamkeit und situativer Wahrnehmung, also um sanfte Fähigkeiten („soft skills“).

Gewalt geht regelmäßig einher mit Vor-Warnzeichen. Sie kündigt sich an. Beim Angreifer durch Worte, Gesten, Gewichtsverlagerung. Bei der „auserwählten“ Zielperson durch ein mulmiges Bauchgefühl, das hier gerade etwas nicht stimmt, durch Zittern, rasenden Puls, wacklige Beine etc.

Wer das rechtzeitig erkennt und ernst nimmt, kann taktische Entscheidungen treffen und präventiv handeln (z.B. abhauen, die Straßenseite wechseln etc.). Wer aktiv entscheidet und den ersten Schritt tut, hält das Heft in der Hand!

Bei den genannten Stressreaktionen handelt es sich im Übrigen um äußerst positive, weil sinnvolle Mechanismen. Seit der Steinzeit sichern sie ziemlich zuverlässig unser Überleben.

Angesichts potentieller Gewalt Angst zu haben, ist gut! Es gilt, auf diese Angst zu hören und zu handeln, also a) wegzulaufen („flight“), wenn es geht, oder b) die eigene Angst in kontrollierte Aggressivität zu übersetzen und zu kämpfen („fight“), wenn Weglaufen keine Option ist.

Am Rande: Wer aus Angst heraus aggressiv wird, befindet sich nicht bzw. nicht länger in Schockstarre („freeze“). Das „Einfrieren“ ist neben „fight & flight“ die dritte evolutionäre Überlebensstrategie, getragen vom Prinzip Hoffnung: Stelle ich mit tot, lässt der Säbelzahntiger von mir ab – stimmt doch, oder?!

Ziehen wir Zwischenbilanz: Hard skills und soft skills, auf sie kommt es an!

Allerdings nützen einem auch beste Wahrnehmung (soft!), dickster Trizeps und härtester Faustschlag (hard!) nichts, wenn drittens (3) die innere Einstellung („mindset“) nicht entschlossen ausgerichtet ist auf mein Ziel, meine Aggressivität, meine Widerstandsfähigkeit.

Das ist im Übrigen das „mindset“ der Gegenseite. „Erfolgreiche“ Gewalttäter wissen, was sie wollen. Und das holen sie sich gegen jeden Widerstand mit hoher Aggressivität.

Damit hätten wir die Mindeststandards für einen guten Selbstverteidigungsunterricht beisammen, fast. Denn neben den Inhalten (soft skills, hard skills und mindset) ist B) die Methodik des Unterrichts („Wie wird unterrichtet?“) das Salz in der Suppe.

Damit stellt sich erstens (1) die Frage, wie eine zielfunktionale Lernumgebung gestaltet werden kann und soll, die soft skills, hard skills und mindset angemessen Rechnung trägt, sie miteinander verbindet und gleichzeitig den Erfordernissen der Sicherheit, Gesundheit sowie der Individualität einzelner Teilnehmer gerecht wird.

Professionelle Didaktik und Methodik erkennt man zweitens (2) an der Art und Weise, wie der Lehrer instruiert. So macht es beispielsweise einen großen Unterschied, ob der Lehrer eine Aufgabe so instruiert, dass es für den Lernenden darauf ankommt, ein bestimmtes Ziel zu erreichen – also z.B. von einer Ohrfeige nicht getroffen zu werden. Egal wie. Oder ob er Wert darauf legt, dass der Verteidiger dazu eine bestimmte Technik, eine bestimmte Fußstellung, ein bestimmter Winkel beachtet werden muss.

Im ersten Fall geht es um das Ziel einer Bewegung, im zweiten um eine ganz bestimmte Art und Weise, die Bewegung auszuführen. Was glauben Sie, ist sinnvoller? Und warum? Im Prinzip kennen Sie das ja, z.B. aus der Schule oder Ihrem Job.

Aus der Motorikforschung wissen wir, dass es im Bereich des Bewegungslernens eine großen Unterschied macht, ob ein Trainer durch seine Anweisungen den Fokus der Aufmerksamkeit beim Sportler auf das Ziel und den Nutzen einer Bewegung legt (external attention focus), oder auf eine bestimmte Form, einen bestimmten Ablauf der Bewegung (internal attention focus).

Sie können das an sich selber testen: Setzen Sie sich selbst ein Ziel, z.B. die leckere Cola da hinten in 20m Entfernung zu schnappen und zu trinken, weil sie sehr durstig sind (externaler Focus). Egal wie. Hauptsache ankommen. Cola greifen. Trinken.

Danach geben Sie sich die Aufgabe, die 20m auf eine bestimmte Art und Wiese zu überbrücken, z.B. auf einem Bein hüpfend und immer nach drei Hüpfern das Bein wechselnd (internaler Focus).

Die erste Aufgabe wird Ihnen keine Probleme bereiten. Bei der zweiten könnte es sein, dass sie irgendwas im Ablauf durcheinanderbringen und darüber buchstäblich ins Stolpern geraten. Ihr Körper produziert Bewegungssalat. Evtl. hadern Sie mit sich selbst. Warum habe ich den Ablauf nicht so umsetzen können, wie ich es mir vorgenommen habe? Das eigentliche Ziel – Cola greifen, trinken – ist in weiter Ferne.

Der Transfer auf Fragen der Vermittlung von Selbstverteidigung ist folgender: Setzen Lehrer den Fokus auf Ziele der Selbstverteidigung, aktivieren Sie damit zugleich uns Menschen seit Millionen von Jahren evolutionäre bewährte und deshalb eingeschriebene Verhaltensweisen. Und zwar grobmotorische Verhaltensweisen, die unter erschwerten Bedingungen (Ermüdung, Stress etc…) funktionieren.

Der Clou ist: Die Bewegungssteuerung (motor control) erfolgt dabei auf unbewussten Ebenen des Zentralen Nervensystems (ZNS). Der Körper „weiß“ einfach, was zu tun ist, um das Ziel effektiv zu erreichen (Cola greifen / Überleben).

Setzen Lehrer der Selbstverteidigung hingegen den Fokus auf bestimmte Bewegungsabläufe, erschweren sie beim Lerner geradezu, dass diese das Ziel effektiv erreichen. Die Bewegungssteuerung erfolgt auf bewussten Leveln des ZNS. Zudem bringen sie ihre Schüler dadurch auf gewisse Weise in Abhängigkeiten.

Während beim externalen Focus die Fähigkeit zur individuellen Problemlösung des Schülers gefördert wird, hängt beim internalen Focus alles davon ab, dass der „Meister“ sagt, wie es „echt richtig“ geht – und dass er das auch echt weiß.

Auf Feedbackmechanismen als weitere, dritte (3) Säule professioneller Didaktik und Methodik möchte ich hier nur hinweisen. Der entscheidende Punkt ist klar: Methodik macht den Unterschied! Werbeprofis gibt es wie Sand am Meer. Professionalität im Unterricht dagegen ist schwerer zu haben und zu finden.

Funktionaler Selbstverteidigungsunterricht mit zielführenden Inhalten und Methoden erkennt man an zwei Merkmalen:

Zum einen daran, dass er sich in adäquater Weise auf das Problem der „Gewalt da draußen“ einlässt. Seine Teilnehmer werden – didaktisch kontrolliert – mit dem Plötzlichen, Unerwarteten, Aggressiven, Chaotischen und (ganz wichtig!) ihren eigenen affektiven und emotionalen Reaktionen darauf (z.B. Stress, Angst) vertraut gemacht. Und lernen dadurch damit umzugehen.

Zum andern erkennt man funktionalen Unterricht daran, dass er sich auf die Individualität der Menschen einlässt und Räume für individuelle Problemlösungen schafft und diese fördert. Das spricht von vornherein gegen allzu starre Strukturen jeglichen Typs (Meisterkult, kleinteilige und fixe Abstufung von Inhalten etc.).

Das Ausbildungsangebot der AKS bietet zielgruppenspezifische Zugänge zur Selbstverteidigung. Systemübergreifend sprechen wir von 360° Selbstverteidigung.

360° Selbstverteidigung
von Swen Körner

Selbstverteidigung,
• weil wir darin den Hauptzweck unserer Tätigkeit sehen: 1. Menschen zu befähigen, sich mit einfachen Mitteln gegen gewaltförmige Übergriffe effektiv verteidigen zu können, 2. bestenfalls gar nicht erst in bedrohliche Lagen zu geraten sowie 3. diese Fähigkeit selbst an andere vermitteln zu können.
• Verteidigung in den Mittelpunkt zu stellen schließt im Übrigen nicht aus, dass der Unterricht bei uns Spaß macht und gesund ist.

360°,
• weil wir uns die Besonderheiten der Selbstverteidigung genauer anschauen. Immer wieder. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Ohne Geheimniskrämerei. Natürlich mag es Dinge geben, die wir so noch nicht erkannt haben. Ein wichtiger Grundsatz bei uns lautet allerdings: Wir sind am Ball. Wir sind lernfähig.
• Daher rührt auch die besondere Form der Logos unserer Akademie: Kreislinien.

Das Konzept der 360° Self Defense sieht vor, all das ernst zu nehmen, was innerhalb und außerhalb dieser Kreislinie passieren kann. Technisch gesprochen kommen Angriffe (Schläge, Tritte, Griffe, Schubser, Würgeattacken etc.) von innen oder außen, von vorne, der Seite oder aus dem Hinterhalt. Wir nehmen das im Training sehr ernst.

Oder taktisch gesprochen: Parken Sie in der hinteren Ecke eines Parkhauses und begegnen dort einem Angreifer, wird es kritisch. Bringen Sie ein parkendes Auto zwischen sich und den Täter, machen Sie es ihm schon schwerer. Was wir damit sagen wollen: Selbstverteidigung ist zunächst keine Frage von Technik, sondern von Taktik – simply don´t be there. Nicht da zu sein ist das wichtigste taktische Prinzip der Selbstverteidigung. Müssen Sie wirklich dahinten parken? Warum nicht in der Nähe des Treppenhauses? Sind Sie doch da, ist effektive Selbstverteidigung eine Frage der Position: am Sichersten sind Sie seitlich oder hinter Ihrem Gegner. Seine Angriffswaffen zeigen dann nicht mehr auf Sie! Explosiv in diese Winkel zu gehen, ist das erste, was Sie bei uns lernen.

Wing Chun und Krav Maga bilden die inhaltlichen Unterrichtsschwerpunkte unserer Akademie. 360° Selbstverteidigung ist ein übergeordnetes Lern- und Ausbildungskonzept. Wing Chun kommt aus Südchina und ist – historisch wirklich belastbaren Fakten folgend – gut einhundertfünfzig Jahre alt, Krav Maga ist einiges jünger und stammt aus Israel. Beide Systeme entspringen (para-) militärischen Kontexten und beide tragen sie unverkennbar die Handschrift derjenigen zeitlichen und gesellschaftlichen Umstände, aus denen sie jeweils hervorgegangen sind. Beide Systeme beziehen sich zum Beispiel auf populäre Waffen ihrer Entstehungszeit. Wing Chun beheimatet Langstock (Luk Dim Poon Kwun) und Doppelmesser (Baat Jam Do), Krav Maga thematisiert Handfeuerwaffen und Gewehre. Das Potenzial, das wir in beiden Kampfsystemen sehen, liegt darin, prinzipiell jeden Menschen für die Verteidigung bei natürlichen Bewegungsmustern abzuholen. So gesehen sind beide Systeme natürlich und adaptiv. Adaptiv, weil sie soziale Standards und Mittel personaler Gewaltanwendung registrieren und assimilieren (externe Referenz). Natürlich, weil sie auf natürliche motorische Reflexmuster zurückgreifen (interne Referenz).

Zurück zur Natur!

Evolutionär natürlich ist es z.B., bei plötzlich von oben auftauchender Gefahr den Kopf zu schützen. Stellen Sie sich eine auf Sie herabfallende Dachziegel vor. Was machen Sie? Sie ziehen die Ellenbogen hoch, den Unterarm über den Kopf, das Kinn an die Brust. Warum? Wir haben innerhalb einer über Millionen von Jahren währenden stammesgeschichtlichen Entwicklung gelernt, besonders das zu schätzen und zu schützen, was unser Überleben sichert, hier: das Gehirn. So direkt und effektiv wie möglich. Oder betrachten wir die Dinge nach den von Natur gegebenen Möglichkeiten menschlicher Anatomie.

Natürlich ist es, den gerade erwähnten Schutzreflex (wir bleiben bei Armen und Händen) aus drei anatomisch möglichen Ausgangsstellungen des Handgelenks zu starten.
1. Supiniert, d.h. die Handinnenfläche zeigt nach oben, der Daumen nach außen.
2. Proniert, dann zeigt die Handinnenfläche nach unten, der Daumen nach innen.
3. Alle Zwischenwinkel von 1. und 2.

So einfach ist das. Alle Wing Chun und Krav Maga Defensivaktionen lassen sich letztlich aus dieser anatomischen Disposition ableiten. Technisch gesprochen (und ich vernachlässige, aber unterstelle hier die Bedeutung einer guten Gesamtkörperstruktur): (1) Aus der supinierten Position entsteht im Wing Chun z.B. ein Tan Sau, Krav Maga sieht darin eine Outside Defense. Das ist exakt die Position, die Sie nutzen, wenn Sie auf ihr Handy schauen (sagen wir, es liegt in Ihrer rechten Hand) und Sie einen plötzlichen Angriff (von rechts) außen direkt abwehren. (2) Aus der pronierten Position entsteht im Wing Chun ein Bong Sau, im Krav Maga eine 360° Defense. Dieser Reflex ist ebenfalls eine direkte natürliche Antwort, z.B. auf einen Angriff von außen, der Sie bei einem Blick auf Ihre Armbanduhr überrascht. (3) Aus der Zwischenstellung entsteht im Wing Chun ein Gan Sao, im Krav Maga eine Inside Defense etc.

Der Punkt ist: Wing Chun und Krav Maga unterstützen uns darin, natürlich zu reagieren. Gucken Sie auf´s Handy und etwas greift Sie von außen an, starten Sie einfach aus der Position, die gegeben ist, z.B. aus der supinierten. Sie machen dann also einen Tan Sau oder eine Outside Defense. Wenn sich ihr Handgelenk nicht in einer pronierten Position befindet, gibt es keinen Grund z.B. einen Bong Sau zu machen. Dadurch sparen Sie Zeit. Und Zeit ist in der Selbstverteidigung ein knappes Gut. Um nicht missverstanden zu werden, natürlich können Sie einen Bong Sau machen und der Bong bringt auch eine andere Verteidigungsenergie „an den Mann“. Aber es ist schlicht nicht der einfachste Weg, zumal für Anfänger. Die Idee natürlicher Reflexe aus gegebenen Positionen macht Wing Chun und Krav Maga Verteidigungen direkt und einfach. Wechseln Sie mal von Pronation zu Supination wie beim Drehen eines Schlüssels – die Bewegung beschreibt eine Kreisbahn. 360°. Ihre Defensivaktionen können Sie aus jedem Winkel dieses 360° Zirkels abfeuern. Und jede davon könnte in Wing Chun und Krav Maga Terminologie übersetzt werden, weil beide an den natürlichen Möglichkeiten des Menschen ansetzen.

Beobachtet man natürliche menschliche Reaktionsmuster auf als Gefahren eingestufte äußere Reize, geraten einige wenige Kernstrukturen in den Blick, die auf unterschiedliche Situationen passen: ob herabfallender Ziegel, Faustschlag, Angriff mit einem Bierkrug oder Aufprall. Der Überlieferung nach war exakt das der Suchscheinwerfer, mit dem Imi Lichtenfeld Voraussetzungen und Möglichkeiten des menschlichen Überlebenskampfes ausgeleuchtet hat: Welche Verhaltens- und Bewegungsmuster sind Menschen in Gefahr zu eigen? Ent-deckt hat er dabei Krav Maga.

Im Wing Chun könnte es ähnlich gelaufen sein. Der Legende nach entwickelt die „stilbegründende“ Nonne Ng Mui die effektiven Prinzipien des Kampfes nach dem Vorbild der Natur: aus der konkreten Beobachtung eines Duells zwischen Kranich und Fuchs. Moderne Bionik macht es nicht anders, indem Sie industrielle Designs und Anwendungen aus den morphologischen und biomechanischen Problemlösungen biologischer Systeme ableitet.

Evtl. schafft aber auch hier Abstraktion Distanz – und Abstand mehr Klarheit. Was, neben anderem, aus der Legende rund um die Nonne sinnvoll abgeleitet werden kann, ist vor allem, Wing Chun nicht völlig falsch als offenes System zu beobachten. Es adaptiert jene Prinzipien, Taktiken und Techniken, die in Situationen funktionieren, in denen Menschen Gewalt begegnen, die ihre personale und leibliche Integrität bedroht.

Debatten über perfekte Technikwinkel („der Tan Sau hat so und so zu sein…“) führen nicht selten in die Sackgasse selbstbezüglicher Realitästverluste. In der Selbstverteidigung wird die Frage von richtig und falsch immer wieder neu und anders durch die komplexe und unvorhersehbare Situation entschieden.

Natürlich kann man behaupten, der Angriffswinkel eines Hakenschlags zur kurzen Rippe sei falsch, das aber wäre nah am Witz. Fakt ist: Man ist getroffen worden! Gleiches gilt für die Frage, ob Kopf- und Kniestöße, Hooks oder Bodenlagen zum System gehören oder nicht. Erstens: Als Verteidiger sollte man der Realität ins Auge blicken, und Kopfstöße sind Realität. Zweitens: Unter bestimmten Umständen kann der Kopfstoß in einer Selbstverteidigungssituation die direkteste Umsetzung von Wing Chun Prinzipien sein (wie „Ist der Weg frei, stoß vor!“ oder auch „Attackier das Weiche mit dem Harten“). Wing Chun ist (nur) effektiv, weil (wenn) es auf Prinzipen basiert. Umgesetzt werden Prinzipien durch Techniken. Welche Technik zur Anwendung kommt, definiert die Situation.

Kann Wing Chun also bestimmte Techniken und Situationen ausschließen? Klar, dann aber muss man sein unbedingtes Recht-haben mit dem Schwergeschütz der Autorität von Tradition durchsetzen. Wing Chun wird dann zum Dogma. Ironischerweise hält das Traditionsargument in diesem Fall dafür her, zu verbieten, was den traditionellen Startpunkt des Systems bildet: die evolutionäre Idee der Anpassung (wie damals etwa die Aufnahme von Elementen aus dem Gottesanbeterinnen, dem White-Crane sowie anderen Stilen, die jeweils auf Tierkampfbewegungen zurückgehen). Nochmals: Wir betrachten Wing Chun als prinzipienbasiertes System, umgesetzt durch einen variablen Pool von Techniken und Taktiken.

theory2

Neben einer natürlich-reflexiven Motorik, die wir alle phylogenetisch in uns gespeichert haben, beinhaltet das Konzept der 360° Selbstverteidigung die Anwendung logischer Prinzipien. Zeitlich ist das z.B. das Prinzip direkter Wege und gleichzeitiger Aktionsmuster von Verteidigungs- und Angriffshandlungen.

Physikalisch ist das u.a. das Prinzip der Kontrolle des Masseschwerpunktes. Wer den eignen MSP kontrolliert, steht stabil. Wer den des Gegners kontrolliert, bringt ihn aus dem Gleichgewicht und erobert dabei seinen Raum. Das ist ein Kernprinzip, welches mir mein Sifu Gary Lam eingebleut hat. Krav Maga kennt und nutzt dieses Prinzip ebenfalls, allerdings kommen unterschiedliche Biomechaniken und Strukturen zur Anwendung. Wing Chun betont die Senkbewegung des Körper und die daraus abgeleitete „Kraft aus dem Boden“, während Krav Maga einen explosiven Hüfteinsatz praktiziert. Dass es für die Umsetzung des „Masse-weg-Prinzips“ einen harten, aggressiven und einen weichen Weg gibt, ist die feine Lehre des Wing Chun. Um den Masseschwerpunkt zu erobern, müssen Sie weder Sportass noch Kampfkunstgroßmeister sein. Nehmen Sie Ihrem Gegner den Raum, ist er weg. Gutes Rugby funktioniert so. Gute Selbstverteidigung ebenfalls.

Zurück zur Einfachheit – Lern- und Entscheidungsgesetze

Gute Selbstverteidigung muss einfach sein. Unser Motto lautet: KIS – keep it simple. Je mehr und je komplizierter die Möglichkeiten, desto länger die Entscheidungswege, desto größer die Konfusion. Und genau das haben sie in der Selbstverteidigung nicht: Zeit für komplexe Pläne, Entscheidungen und Techniken. Diese Gesetzmäßigkeit zu akzeptieren fällt nicht wenigen Anbietern im Bereich der Selbstverteidigung schwer – lange Ausbildungswege, hochdifferenzierte Graduierungssysteme sowie unflexible Technikdrills vernebeln diesen einfachen Grundsatz. Dieses Gesetz, bekannt als Hicks Law, gilt auch in Alltag und Beruf. Nicht aufgrund zu vieler Alternativen ins Stocken zu geraten ist entscheidend in jenen Hochdruck- und Stresssituationen, in denen das „Hormonmonster“ die Macht über unsere Handlungsfähigkeit übernimmt. Wenn ihr Blut mit doppelter Schlagrate und mehr aus dem Gehirn Richtung Extremitäten strömt und Sie Mutter Natur auf Fight, Flight oder Schockstarre vorbereitet, benötigt Ihr Autopilot einfache Entscheidungsroutinen.

Der Mensch ist zudem ein Gewohnheitstier. Wir tun, was wir üben und was wir üben, wird unsere Gewohnheit. Wenn Sie im Training komplizierte Abfolgen auswendiglernen, wird es genau das sein, was Sie im Ernstfall probieren werden. Es ist dann Ihre Gewohnheit, genau das zu versuchen. Im Umkehrschluss bedeutet das: In der Selbstverteidigung sollten Sie das trainieren, von dem Sie auch wollen, dass es für Sie im Ernstfall zur Gewohnheit wird. Und nur das. Einfache Bewegungsmuster, die auf eine Vielzahl von Situationen passen. Das 360° Konzept hilft Ihnen dabei zu entfalten, was Sie eh schon in sich tragen.

Krav Maga und Wing Chun

Krav Maga ist nicht Wing Chun und umgekehrt. Dabei bleibt es. Soll es auch. Unser Konzept der 360° Selbstverteidigung folgt einem übergreifenden Anspruch: Wir haben keine Zeit für abenteuerliche Techniken und nicht ziel-führende Übungen. Das ist vor allem eine Anti-Blödsinnsformel: Dafür, guten Gewissens regelmäßig zu hinterfragen, was man wie im Training tut, sowie dafür, ggf. loslassen zu dürfen (nein: zu müssen). Loszulassen ist nicht immer einfach, wie man hier und da vielleicht an den eigenen „Beißreflexen“ beobachten kann, wenn eingespielte Routinen neu zur Disposition stehen. Wir hingegen finden die Haltung erfrischend. Sie ermöglicht Fortschritt.

So haben wir z.B. unser ganzes Wing Chun im Laufe der letzten Jahre auf Praktikabilität hin zusammengekürzt, Unbrauchbares entfernt und alle Formen daraufhin modifiziert. Sie enthalten nun prägnant und klar nachvollziehbar alle Konzepte, Prinzipien, Taktiken und Techniken, die Wing Chun als effektives Selbstverteidigungssystem ausmachen. Es gibt bei uns kein sonstiges Curriculum. Wing Chun und Krav Maga handeln von direkten Lösungen für praktische Probleme in Notsituation. Im Wing Chun sind diese gespeichert in Formen, Krav Maga bevorzugt andere Wege der Speicherung und Überlieferung von Information.

Taktisch wie auch unterrichtsmethodisch haben wir durch unsere Krav Maga Ausbildung viel dazugelernt, beispielsweise die enorme Bedeutung von Stress-Drills im Training. Umgekehrt liegt unserem Wing Chun eine besondere Körperstruktur und -dynamik zugrunde, die deshalb einfach zu erlernen ist, weil sie Gesetze der Physik und Biomechanik effektiv nutzbar macht. Ein gutes Selbstverteidigungssystem kann davon nur profitieren.

Zur Frage wahrer Tradition, besserer Systeme oder Teilsysteme dürfte hüben wie drüben alles gesagt sein. Das Interesse an solchen Diskussionen ist in der Regel ein politisches. Politik ist kein ausgeprägter Bestandteil unseres 360° Konzepts. Auf der Ebene allgemeiner Prinzipien liegen Krav Maga und Wing Chun recht nah beieinander. Was auch sonst. Beiden geht es im Ursprung um Kampf, um Selbstverteidigung.